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2.August Riga

…so so.. es ist eine gute Woche vergangen seit dem letzten Eintrag. Ist viel passiert inzwischen. Eigentlich hielt ich die Reise auch für beendet. Doch so passiert es mitunter dass Alles anders kommt als du denkst.                                        Die Zeit am Nordkapp verbringen Pascal und ich damit uns über die gemeinen Bustouristen zu belustigen die in regelmäßigen Abständen das Nordkapptentrum fluten. Wir kennen jetzt jeden Winkel der Nordkapphalle und fühlen uns nach den 5 Tagen am Kap fast heimisch. Wir finden schließlich ein WC mit einem Waschbecken groß genug um sich Haare zu waschen bzw. auch eine adäquate Intimhygiene aufrecht erhalten zu können. Auch Trinkwasser können wir hier kostenlos besorgen. So geschieht es dass Pascal und ich tatsächlich ganze 5 Tage auf dem Nordkappfelsen Zelten ohne einen einzigen Cent in diesem nördlichen Konsumparadies zu lassen. Auch das Personal hat uns mittlerweile registriert und bedauert wohl unsere Kaufaskese. Nach und nach trudelt schließlich Thijs ein und am Donnerstag dann erfreulicherweise auch Nils. Es ist einfach toll an diesem Punkt der Reise wieder Einige derer Menschen zu treffen mit denen ich unterwegs Zeit verbracht und erlebt habe. Wir treffen jeden Tag oben am Kap andere Radler die von allen möglichen Punkten hierherkommen. Am Donnerstagabend gesellt sich ein Däne zu uns. 19 Jahre jung. Durch Schweden und Finnland hochgefahren. Wir haben ein gehaltvolles Gespräch über Touren und Pläne und die Freude am Radreisen die uns alle verbindet. Am Freitagmorgen verabschieden wir uns von Nils und dem Dänen und fahren nach Honningsvåg zurück.  Pascal und ich verbringen die Zeit mit gehaltvollen Gesprächen über Gott und die Welt auf einer sonnigen Parkbank. Der Bus nach Helsinki fährt erst morgens um 5. wir dürfen aber schon um 2 rein und Habens daher warm. Die ersten 600 km nach Rovaniemi fährt uns ein glatzköpfiger dicker älterer Herr mit stets ausdruckslosem Blick, dessen Mimik sich nicht mal änderte als er im Abstand von geschätzten 5 Minuten erst einen kleinen Vogel und dann eine Möwe an der Frontscheibe Matsch fährt. Bizarr. Unterwegs steigt Hinz und Kunz ein. Am stärksten in Erinnerung ist mir ein hagerer Herr aus der Schweiz mittleren Alters der uns im Abstand von wenigen Aussagen erst erzählt dass er von Gott und der Welt verlassen wurde und im nächsten Satz erwähnt “Erfolgscoach” zusein. Nun ja. Was soll ich sagen. Der Typ war nett aber irgendwie auch traurig.                       In Rovaniemi steigen wir um in einen klimatisierten Bus der uns bis Helsinki bringen soll. Der Busfahrer der die gesamte Nacht ohne Pause fährt bereitet uns morgens dann echt Unbehagen. Ein Kollege, so scheint mir, besappelt ihn stets von rechts, wahrscheinlich damit er nicht einschläft. Doch der Fahrer antwortet lediglich in einzelnen Wörtern die sich nur anhand der Stimmlage unterscheiden lassen. Was Solls. Wir kommen pünktlich in Helsinki an.
Während der Busfahrt konfrontiert mich Pascal mit seinem Plan:  die Fähre von Finnland nach Deutschland kostet 200 Euro. Mit dem Geld kann man eine Weile durchs Baltikum fahren und leben. Ich weiß nicht so recht was ich davon halten soll, überlege hin und her…bekomme schließlich Kopfschmerzen und fahre schlussendlich ohne länger darüber nachzudenken direkt mit Pascal vom Bahnhof auf die Fähre nach Tallinn. Etwas mulmig ist mir dabei schon. Meine Vorurteile hinsichtlich den Ostländern werde ich irgendwie nicht los. Aber die Übermüdung tut ihr Übriges und so finden wir uns mittags in einem coolen Hostel mitten in Tallins Altstadt wieder. Zu viel Eigenaktivität sind wir infolge zweier durchfahrener Nächte nicht mehr imstande sodass der Abend jäh endet.
Am Montagmorgen erschlägt mich mein Entschluss fürs Baltikum zunächst doch, doch kurze Zeit später erfreuen wir uns an den spottbilligen Lebensmitteln und verlassen Tallinn auf einer mäßig befahrenen Straße gen Süden. Im Laufe des Nachmittags beschließen wir von nun an kleinere Umwege in Kauf zu nehmen und lieber ein paar Nebenstraßen zu fahren die dann zu meiner besonderen ” Freude” bald zu Schotterpisten werden. Oft verfolgen uns kläffende Dorfköter sodass wir ordentlich zu strampeln haben. Abends kommen wir an einem urigen Hof mitten im Wald an. Wir beschließen die Menschen dort um Erlaubnis zu bitten unser Zelt hier aufstellen zu dürfen. Wir gehen einmal uns Haus herum. Niemand da außer einer Schafsherde die sich an Pascals Obstladung auf seinem Gepäckträger ran macht. Wir beschließen den Hund dort solange zu provozieren bis er laut bellt und sich dann endlich jemand auf uns zu bewegt. Eine ältere Frau, sichtlich bemüht uns zu helfen erscheint. Die Sprachbarriere stört. Wir können kein estnisch und kein russisch. Sie kein englisch . Im Endeffekt telefonieren wir mit ihrer Tochter aus der Stadt die uns freie Bahn gibt. Unser Wasser dürfen wir am hofeigenen Brunnen auffüllen. Im Garten wächst alles mögliche . Es ist schon skurril. Sie wird denken dass wir reiche Westler sind und sie arm sein. Wir  finden aber beide dass viele reiche Westler Arm sind verglichen mit dieser Oma im Wald die alles hat…eigenes Wasser, Obst Gemüse,….ist schon verrückt.
Am Dienstag setzen wir unsere Reise fort durch eine Landschaft in der irgendwie die Zeit stehen geblieben ist. Es wirkt ländlich verlassen hier. Touristen sind wir wohl die einzigen hier. Meine Skepsis gegenüber Land und Leuten schwindet langsam. Estland wird mir angenehm. Wetter passt auch. Läuft. Wir lassen uns abends auf einem Feld nieder, sichtgeschützt durch einen Tümpel um den sich eine dichte wilde Hecke rankt. Niemand kann uns sehen von der Straße. Oberstes Sicherheitsgebot
m Mittwoch regnet es bis auf wenige Momente durch. Ich bin genervt und schwanke zwischen alleine weiterfahren oder den Tag über hier bleiben und schlafen. Pascals Entscheidung steht fest. Er wartet auf Donnerstag. Abends um 19 Uhr stelle ich dann auch fest dass es nicht sonderlich intelligent wäre um diese Zeit aufzubrechen und beschließe schließlich zu bleiben
Der Donnerstag bleibt durchwachsen, die Straßen bleiben beschissen, die Motivation bleibt. Die lettische Grenze ist nicht weit. Immer wieder macht uns Pascals Reifen zu schaffen. Sein Fahrrad im Allgemeinen pfeift auf dem letzten Loch. Viele Menschen verstehen bzw. Sprechen deutsch hier sodass wir eher mit Deutsch Weiterkommen als mit englisch. Wir überqueren die Grenze nach Lettland auf einem zerbombten Knüppeldamm der es sicher mit den Islandhochlandpisten aufnehmen kann. Matthias, mein Island-Guide wäre stolz auf mich! Was wir ab den ersten Metern in Lettland sehen ist ein Trauerspiel. Verrottende Häuser, verlassene Dörfer, ignorante Autofahrer, kaputte Straßen, abgefuckte, zerranzte Menschen. Das Leben hat sie gezeichnet. Ich versuche zwei Omas im Dorf ein Wort des Grußes zu senden. Versteinerte Mimik. Kalt. Keine Reaktion. Wohl fühlen wir uns nicht. Estland und Lettland unterscheiden sich stark. Wir fahren 20 km quer durch den lettischen Hinterwald. Plötzlich Schüsse. Immer wieder. Sehr nahe. Pascal schreit laut um uns bemerkbar zu machen. Schon fahren wir an einem Haus vorbei. Drei Männer in Flecktarn davor. Schnell Weg. Die Menschen in dem Dörfern gucken Weg wenn wir grüßen. Mehrere Autos überholen uns so scharf dass uns Schottersteine um die Ohren fliegen. Wir erreichen endlich die Hauptstraße und damit einen Dorfladen mit jungen Menschen. Die Einzigen die hier normal aussehen. Die machen Hoffnung!! Wir errichten unser Camp heute am Feldrand gut sichtgeschützt und schon halb in der Dämmerung.
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Der Freitag startet verregnet. Unser Plan früh um 8 zu starten scheitert mit dem ersten Blick aus dem Zelt: grau. Regen. Gegen Mittag starten wir, das ganze Nässe Zeltgelumpe verpackt, doch schon eine halbe Stunde später regnet es wieder und ein Scheunenüberdach spendet uns Schutz. Wir kommen schwer voran, sind beide nicht so in Hochform. Immer wieder tröpfelt es. Erst gen Abend wird es klarer. Wir stellen unsere Zelte auf den Rand des örtlichen Flugplatzes und schlafen recht schnell.
Am Samstag fahren wir die 110 km bis Riga rein. Ein Stop in Cesis mit Besuch der örtlichen Burganlage. Dort ist gerade Marathon. Überall laufen sie. Wir verstehen zwar nicht wieso alles kreuz und quer läuft und denken auch dass selbst wir eine Medaille bekommen hätten wenn wir durchs Ziel gerannt wären aber gut. Die Menschen bewegen sich. Das zählt. Die letzten 60 km vor Riga fahren wir auf sauschlechtem Asphalt und linealgeraden Straßen durch einen schier endlosen Nadelwald.  Den Wind stets als Trainer, von vorn. Leicht kann jeder. Als wir die Vororte von Riga erreichen trauen wir unseren Augen kaum, so viel Tristesse und Häßlichkeit erträgt doch niemand. Beton-City!!!
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In der Altstadt finden wir schließlich unser Hostel für 6 Euro die Nacht und Mieten uns für zwei Nächte ein. 30 Bett Zimmer, vollgekotzte Klo’s, kekskrümel im Bett. Naja, was erwartet man für 6 Euro in Rigas Altstadt.                           Der gesamte Sonntag besteht aus Stadtbesichtigung, essen, trinken und relaxen.
5.8. 20:45…Liepāja..am Montag haben Pascal und ich viel Zeit aufgebracht um die Russische Botschaft zu finden. Dies erschien uns der beste Weg um in Erfahrung zu bringen inwieweit wir eine Chance haben die russische Grenze auf der Kurischen Nehrung zu überqueren. Nachdem ich glaubte mit Googlemaps einen kompetenten Navigator konsultiert zu haben machten wir uns mit beladenen Rädrrn auf den Weg. Vergebens. Googlemaps hat dich geirrt. Pascal und ich sind wohl beide ziemlich gereizt ob des unsinnigen Umweges den wir gemacht hatten wie uns eine freundliche Dame mit Kind und Englischkenntnissen auf Nachfrage mitteilt. Wir finden die Botschaft reichlich später, unweit des Hostels von dem aus wir eine Stunde zuvor aufgebrochen waren.
Kaum dass wir die Räder an der noblen Fassade anlehnen spricht uns der Security Kollege an: “Was sucht ihr?” Nun am Ende schickt er uns drei Straßen weiter ins russische Konsulat. Da wäre der Ort der Entscheidung. Da ist natürlich gerade Mittagspause. Ach es ist ätzend. Da verdallert man den ganzen Tag. Als wir endlich dran kommen erklärt uns die Dame am Schalter dass wir auch bei ihr falsch wären. 4. Etage, Zimmer 19. na dann, auf auf. Wieder warten. Und am Ende kein Visum für Russland. Am Ende habe ich mich gefragt ob sich dieKollegin ihrer ungünstigen Abschiedswortwahl bewusst war. “Your welcome”!! Und ein grinsen. Hää? Wir sind nicht willkommen, sonst gäbe es ja ein Visum. Na gut Russland, ich komm später vorbei!
Pascal beschließt damit den Bus nach Berlin zu nehmen. Wir begeben uns wieder in unser grottiges Hostel zurück und stellen fest dass um 18 Uhr selbst unser Bettzeug noch unangerührt im gleichen Zimmer liegt. Na dann. Am Dienstag trennen sich unsere Wege. Pascal und ich verabschieden uns und damit endet eine schöne gemeinsame Zeit. Wieder eine interessante Persönlichkeit kennengelernt. Ich sträube mich ein wenig davor alleine weiterzureisen und so kostet es mich einige Überwindung Riga und seine Vororte Jūrmala und Tukums zu durchfahren. Hinter Jūrmala fahre ich direkt am Ostseeküstenwald entlang. Die Straße ist gesäumt von unzähligen PKWs links und rechts der Straße.Ich scheine an “dem” Strand schlechthin zu sein.. und nachdem ich mich überzeugt habe…
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Die Ostsee übertrifft sich mal wieder selbst…wie ich sie liebe!!!
Dann verlasse ich die Küste und Fähre die verbleibenden 60 km bis zum Nedres Camp. Ein traumhafter Platz an einem Waldsee gelegen. Ich bin der einzige Mensch der im Zelt schläft. Sonst ein paar Teenies die Party Urlaub machen und Familien die ne Hütte gebucht haben. Ein soo schöner Platz. Ich liege abends im Zelt und genieße die Freiheit des Moments. Nachts ist irgendwann ein etwa 40 cm großes Tier durch meine Apsis getrampelt. War unheimlich.
…sooo und zum heutigen Tag, Mittwoch: Alter war das ein Tag. Eins vorweg, es gibt keine Fotos von heute. Ich bin 130 km auf der A9 nach Liepāja gefahren. Um die 26-29 grad. Nur sonne, aber Wind von hinten. Angesichts der Kopfschmerzen die ich noch jetzt habe bin ich wohl haarscharf an einem Sonnenstich vorbeigeschlittert. Ich gönne mir heut ein familiäres Hostel in Liepājas Altstadt. 10 Euro die Nacht. Dafür fühl ich mich hier wie zu Hause. Die junge Dame am Checkin erzählt mir gleich mal wie sie heißt und dass ich mich noch einen Moment gedulden müsse. Sie hätte den Schlüssel für ihr Büro verbummelt. Wie herrlich menschlich. Ist echt nett hier.
6.8.15…Klaipeda.. Ich erwache morgens in meinem Bett und stelle fest dass ich überhaupt keine Lust habe weiterzufahren. Es ist nicht so dass ich etwa keinen Spaß am fahren an sich habe. Vielmehr spüre ich dass die Reise sich dem Ende neigt. Und damit scheinen alle traumhaften Erlebnisse mit all den wunderbaren Menschen die ich traf wie besiegelt. Aber so ist das nicht. Wenn ich mal Dream Theater zitieren darf…”the spirit carries on”….es geht weiter. Ich verabschiede mich von meinen Zimmerkollegen und mache mich auf den Weg Richtung Küstenstraße. Rechts schimmert teils die Ostsee durch den herrlichen Küstenwald durch. Es wundert mich nichtmalmehr als der Radweg am Ortsausgangsschild jäh endet. Einfach kann jeder.
Die Straße führt schnurgerade durch den Wald. Ein Traum. Die Sonne lacht, es flimmert über dem Asphalt. Traumhaft.
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Ich komme gut voran und erreiche schon gegen Mittag die lettisch-litauische Grenze. Verlassene Grenzposten. Niemanden interessiert es mehr wer hier wann die Grenze überquert. So rolle ich schon kurze Zeit später durch Palanga, Litauens beliebtestem Seebad. Der Badetourismus kennt keine Grenzen…ist das ein Trubel auf der Strandpromenade!!!  Auf den 20 verbleibenden Kilometern nach Klaipeda fahre ich zunächst auf einem traumhaften Radweg durch die Küstenlandschaft der dann nach einer Zeit zur hoch frequentierten Straße wird. Am Straßenrand parkt Auto an Auto.
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Die Stadtdurchfahrt von Klaipėda zieht sich wie Gummi. Ich hätte nie gedacht dass die Stadt so groß ist. Viele Plattenbauten. Überhaupt dominiert grau. Den Kontrast machen teils ein paar ultramoderne Bauten die etwas deplatziert wirken. Vom Zentrum Klaipedas zum Fährterminal sind es 13 km. Wie immer habe ich nichts reserviert oder gebucht sondern verlasse mich auf mein Glück dass ich spontan eine Fahrkarte bekomme. Ich kaufe noch ein wenig Proviant für die Überfahrt nach Kiel ein und hangele mich durch die Betonstadt. Schließlich erreiche ich gegen 17:00 den Südhafen. Im Terminal kaufe ich tatsächlich das vorletzte Ticket. Die nette Dame am Terminal erzählt mir dass sie noch zwei Tickets hat. Krass.
Im Terminal spricht mich ein älterer Mann an…wo man Tickets kaufen könne. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir er ist vor Jahren nach Australien gezogen und dort jahrelang mit Kamelen durchs Land gezogen. Klaus ist Mitte 60 und strotzt vor Energie. Er möchte ein paar Menschen in Deutschland besuchen und ist von Bangkok mit dem Fahrrad hergefahren. Quer durch China, Mongolei und Sibirien. Der Mann beeindruckt mich tief. Ich sage ihm mehrmals dass ich ihm meinen höchsten Respekt erweise. Es inspiriert mich. Wir unterhalten uns lange auf der Fähre.
Mit diesem Treffen neigt sich diese Tour nun wirklich dem Ende zu und ich bin dankbar dafür dass mir der Mann mit seiner Geschichte Mut macht. Die Dimensionen verändern sich. Wir genießen den Sonnenuntergang.
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