TASMANIEN

~~~TASMANIEN ~~~
…”hey mate…ready for tassie?!” rief mir der Typ von der spirit of tasmania entgegen während er mich aufs Schiff schickte. Ja doch das war ich. Etwas traurig das australische Festland nach nem knappen Monat bereits zu verlassen, freute ich mich doch gewaltig auf Tassie. Schon öfters sagte man mir das sei ne Insel für Hippies, Kreative, Verrückte…genau mein Ding dacht’ ich mir.
Auf dem Autodeck wies mir ne junge Mitarbeiterin mit nem Lächeln den Platz für mein Bike zu. Und dann fügte sie noch hinzu:” lass das bike einfach so stehen, ich spann das nachher fest, vielleicht kommen noch andere Räder, dann schiebe ich die zusammen um Platz zu sparen.” Schöne Geschichte! Aber Mäuschen so läuft das nicht. Hast du schon einen Autofahrer gesehen der dir mit nem Lächeln seinen Benz Schlüssel zuwirft nachdem du ihm gesagt hast du würdest die Karre umparken?! Alter ich war auf 180! Leck mich am Arsch, das mach ich selbst, dachte ich nur. Und wenn du hier arbeitest um die Leute zu begrüßen, zu Lächeln und die Tickets abzureißen dann mach das doch bitte und geh mir nicht auf den Sack von wegen bike befestigen. Sie ließ mich dann machen und ich muss sagen, das bike war perfekt fixiert. Da wackelte nichts. Und wir beide hatten uns dann auch wieder verstanden und ich wurde mit einem Bilderbuchlächeln aufs Passagierdeck entlassen.
Die Überfahrt selbst war ziemlich ruppig, der Kapitän persönlich wies die Passagiere an besser nicht aufs Außendeck zu gehen…zu stürmisch, zu rutschig. Das erste Mal auf einer Fährüberfahrt war mir etwas unwohl, so sehr schaukelte es. Doch vor mir lag nichts Geringeres als die rauhe Perle im Süden des indischen Ozeans: Tasmanien! Allein der Name lässt mich träumen…tiefer Urwald, einsame Strände, Berge, kleine Hinterwäldlerdörfer mit schrägen Vögeln …all das versprach Tassie.
Die Nacht auf der Fähre verbrachte ich im Abteil der Ruhesessel. Diese waren mir von den 30Stunden-Überfahrten nach Finnland schon bekannt und ich ging nicht davon aus das der Sessel das halten könne was er versprach: Ruhe. Doch ich war positiv überrascht. Der Saal bot einen Blick aufs Heck und die aufgewühlte See und war kühl temperiert. Ich hab sogar geschlafen.
Ich verbrachte die Morgendämmerung damit mich im gesichtslosen Hafenort Devonport umzusehen und verdallerte dann den gesamten Tag dort mit der Informationsbeschaffung für den Trip und bin dann gen Abend schließlich zu Tim und Ally gefahren, meinen ersten Warmshower-Gastgebern auf Tassie. Sie hätten jede Woche Gäste hier, doch 90% der Radler würden die Ostküste fahren, gut besiedelt, flach, touristische Infrastruktur. Gut. Dann muss die Westküste meins sein. Und genau das bestätigte mir Tim. Große Entfernungen zwischen den Dörfern, viel Wald…Urwald. Einsam.
Am Sonntagmorgen startete ich dann Richtung Lorinna. Durch meine damaligen Gastgeber mit denen ich Sylvester verbracht hatte, bekam ich einen netten Kontakt zu Freunden die hier sehr entlegen wohnen würden. Arana und Nick plus deren zwei Kinder. Lorinna ist weniger Dorf, als vielmehr eine Ansammlung von ein paar wenigen Höfen mitten im Urwald an einem langen See. Ich hatte mit Arana schon ne Weile eMail-Kontakt und nun war es endlich soweit.
Auf meinem Weg lag das beschauliche Sheffield, ein Örtchen mit Western-Flair und dem letzten kleinen Lebensmittelgeschäft für die nächsten 3 Tage. Ich deckte mich ein mit Reis, Linsen, Spaghetti und Knobi und setzte mich dann mit ein paar wraps auf eine Parkbank und genoß bedächtig meine Mittagsruhe. Hey mate, how’s it going?!…sprach mich plötzlich jemand von schräg hinten an. Und so lernte ich Ben kennen. Ben ist Ende 30 und mir von Anfang an sympathisch. Ausgelatschte Lederstiefel, zerfetzte Jeans, grüne Ranger Jacke. Und irgendwas sehr schwermütiges schwang da auch mit. Ich hatte das Gefühl das ich Ben schon länger kennen würde. Besonders auch dadurch dass er mich irgendwie an meinen Kumpel Mike erinnerte. Nun, wir erzählten ne ganze Weile…auch weit über den üblichen “..krass wo kommst du her? ….ach ja und sonst so ..” Kram hinaus. Ben hatte ne Menge zu erzählen, von seiner Jugend in Tassie…den vielen Cannabis-Feldern hier und seiner Kiffer-Jugend, seinen Versuchen die Essenz von Magic-Mushrooms zu konzentrieren und zu konsumieren, den alten Ami-Karren hier, den verrückten zwei Typen aus den Bergen hier die einst nen Typen umgelegt haben sollen und darauf hin den Schweinen zum Fraß vorwarfen. Beide gingen in den Knast und einer ist heute wieder auf freiem Fuß, lebt dort hinten in den Bergen meinte Ben und zeigte auf paar Bergkuppen Richtung Südosten.”Tassie ist ein verrückter Ort Oscar, du wirst viele eigensinnige Leute treffen.” Ben lud mich schließlich auf nen Kaffee zu sich ein und das war mir sehr recht. Die Mittagssonne ist unfassbar aggressiv. Als wir ankamen traute ich meinen Augen nicht. Der gesamte Vorgarten war zugestellt mit Wracks alter Amikarren und allem Möglichen Kram. Es gab genau einen begehbaren Weg Richtung Haustür. Rainer Kalmund würde da jedenfalls nicht durchkommen. Naja jedenfalls wenn ,dann nur mir zerrissenen Hosen und zerfetztem Hemd weil Links und rechts des Gangs etwa 1 Meter hoch der “Altmetall/Schrott/Sperrmüll/was-weiß-ich” Kram gestapelt war.
Was machst du mit all dem Kram Ben? Ich sammele das gern, aber ich muss das bald mal woanders hinbringen.
Für mich war Ben einer der interessantesten Menschen auf der gesamten Reise bisher. Er war einer der Charaktere die ich aus Stephen Kings Romanen kannte…Leute die irgendwie normal sind aber auch irgendwie ziemlich verrückt. Ich hatte den Eindruck das Ben ein bisschen depressiv ist, auch ein wenig einsam doch er hatte eine Art die mich auf eine verrückte Weise an mich selbst erinnerte, oder besser gesagt an das Bild…die Illussion die ich von mir habe. In seiner Küche war ein Berg aus alten Büchern und Zeitschriften gestapelt, der bis zur Decke reichte. Während wir Kaffee tranken, dünn wie Wasser und doch einer der besten die ich bisher hatte, beachtete man die Begleitumstände, kramte Ben ein, zwei Hefte raus und zeigte sie mir. Mich ließ das ziemlich kalt doch Ben war fasziniert von seiner Sammlung was mich nun wieder faszinierte.
Auch zu Lorinna konnte er mir was erzählen. Es sein ein sehr spezieller Ort mit speziellen Menschen. Auch der DaleiLama sei schon zu Besuch gewesen, und mit diesen Gedanken verabschiedeten wir uns, ich bedankte mich für den Kaffee und machte mich auf den Weg Richtung Lorinna. Einen riesigen Pass hatte ich zu bezwingen und auf der anderen Seite fand ich mich im tiefsten Urwald wieder. Kein Auto, niemand da….irgendwann wurde aus Asphalt Schotter und auch die Sonne sank und sank. Bei Sonnenuntergang erreichte ich Lorinna…ein Dorf ohne Dorfkern, mit selbstgemaltem Ortseingangsschild und vielen “organic-you-can-trust” Schildern. Ich war entzückt. Hier leben die Leute in hohem Maße unabhängig. Ich erreichte schließlich nach dem letzten zermürbenden schottrigen Anstieg Nicks und Aranas Haus. Eigenbau. 90% Holz, Solarpanels, Trockenklo, Gewächshäuser, und das Haus voller Leute.
Ein Girl aus Bali, eines aus Frankreich, n Typ aus Schottland, n Kumpel von Nick, Nicks zwei Kinder….Nick und Arana bieten woofing-Plätze an. Das heißt gegen Unterkunft und Speis und Trank wird auf dem Hof geholfen. Mich als warmshower-Gast betraf das weniger…..dachte ich. Doch irgendwie schwamm ich da so mit rein und fand mich Dienstagmorgen dann mit Nick, Tom und Rob beim Bau einer Steintreppe wieder. Nick hatte die Wochen zuvor ein kleines Haus für Gäste gebaut. Überwiegend aus Holz, Stein und Lehm wenn ich das so richtig gesehen hab. Und dafür sollte nun eine Steintreppe her.
Jacob, falls du das ließt, das wär genau dein Ding gewesen, musste dauernd an dich und Steffie denken man!
Während wir den steinigen Boden von den gröbsten Steinklumpen befreiten und diese nach Größe und Form sortierten hörten wir Meshuggah, DestinyPotato und Periphery aus einer minimalistischen Bose MiniBox…ich war also in guter Gesellschaft.
Die Mädels hatten mittags und abends immer lecker gekocht und schöne Salate bereitet. Einzig meine vielleicht sporadisch auftretende Abneigung gegenüber zu vielen Menschen an einem Ort ließ mich stellenweise in Bedrängnis kommen. Das Gefühl irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen ließ mich teils davon träumen doch bald wieder alleine zu sein um die Dinge die ich beeinflussen könnte so zu gestalten wie ich wollte ohne dauernd der Bewertung Dritter unterlegen zu müssen.
Das Alles ändert jedoch nichts daran das Arana und Nick tolle Leute sind die ihrem Traum von einem naturnahen, weitestgehend unabhängigen nachhaltigen, und selbstbestimmten Leben sehr nahe kommen. Wir sind auf der Ladefläche des Jeeps runter zum See gefahren, haben hier und da Kinder aus dem Dorf mitgenommen…Jungs vom Bolzplatz, Mädchen mit bunten, in die Haare eingeflochtenen Holzperlen…was ich sagen will: hier ist Konsumwahn, Stress und Medienirrsinn weit weg. Es ist ein pures, natürliches und rauhes Leben hier mit Platz für allerlei Charaktere. Und das heißt keinesfalls Rückschritt. Im Gegenteil. Ich entsinne mich das der bekannte Postwachstumsökonom Niko Paech einst sinngemäß sagte dass ein Wandel zu einem nachhaltigeren Lebensstil keinesfalls mit der völligen Enthaltsamkeit einhergehen muss. Man kann und sollte Technologie nutzen….aber um Solarzellen zu bauen und nicht Atomwaffen. Jedenfalls inspirierte mich Lorinna sehr.
Am Mittwochmorgen begleiteten mich Nick, Rob samt der zwei Kids auf dem Bike Richtung Cradle-Mountain, meiner nächsten Station. Wir fuhren eine schottrige Bergstraße, am Hang gebaut, entlang. Ein Schritt nach links und das wars. Teile der Straße sind einem Unwetter zum Opfer gefallen und so ist stellenweise hier und da ein Stück der ohnehin schon schmalen Straße in den Abgrund gestürzt.
Die Strecke auf der Hauptstraße bis nach Cradle Mountain lässt mich träumen von kasachischen Wüstenstraßen….geradeaus…kilometerlang, flach…..einfach nur geradeausfahren. Tassie ist genau das, nur eben das Gegenteil davon. In fiesen Kurven schraubt sich die Straße gnadenlos hinauf um dann wieder steil bergab zu rauschen, das mir die Bremsscheiben glühen. Zum Glück erreichte ich das Camp bald und konnte rumsitzen. Eine chinesische Familie hatte sich in der Campingplatz-Küche breit gemacht, laut, unausweichlich…und meine Gedanken gingen zurück in meine China-Zeit. Ich begann einen Topf mit Wasser aufzusetzen doch erschloß sich mir der Mechanismus zur Inbetriebnahme des Herdes nicht gleich. In Gedanken bei der nervigen Familie suchte ich vergeblich nach den Knöpfen für die Herdplatten, als mir einer der Chinesen half und ich mich schämte…für meine schlechten Gedanken. Wir sind alle ein bisschen anders aber vor allem sind wir alle in den wesentlichen Dingen sehr ähnlich. Wir wollen friedlich Leben, wollen glücklich sein….und anstatt mich darüber zu ärgern was für ein Lärmpegel das gerade in der Küche war, erfreute ich mich daran wie ähnlich wir uns doch sind, wenn man es denn mit Wohlwollen angeht.
Der Donnerstag bescherte mir einen Tag an dem man sprichwörtlich nicht mal die Hunde rausschicken mag. Es war kalt, Sprühregen, ruppiger Gegenwind, ein Straßenverlauf bei dem sich ein Hügel an den anderen reihte…kurzum…es war ein Schlag ins Gesicht. Was mich weiterfahren ließ, war vor allem die Tatsache das ich im 70 Kilometer entfernten Rosebery bei Miranda und Sam unterkommen würde, couchsurfing. Völlig durchgeregnet kaufte ich fix noch n Sixer Bier….schließlich war es Australia Day, Grund zum Feiern. Sam ist 25 und arbeitet in der örtlichen Mine, während seine Freundin Miranda ( auch etwa in dem Alter) in Hobart wohnt. Beide sind super Leute, wir hatten viel Spaß…haben coole Musik gehört, gute Gespräche gehabt, und Miranda hat mich schließlich noch in ihre WG nach Hobart eingeladen. Voll gut.
Am Freitag ging’s weiter nach Queenstown, der alten Minenstadt an der Westküste. Ich kam für 25 australische Dollar in ner alten Arbeiterunterkunft unter und lernte auf diesem Wege Maike und Lara kennen, zwei deutsche Mädels die hier work and Travel machen. Sie hatten leider nicht so viel Glück und erlitten einen Autounfall. Nun irgendwie hatten sie dann doch Glück da sie nicht verletzt wurden. Es war gut die beiden zu treffen, hat Spaß gemacht mal wieder mit Leuten aus der Heimat zu reden. Ich wünsche euch ganz viel Freude auf eurem (jeweils) weiteren Trip!!
Fast den gesamten Samstag verdallerte ich in Queenstown bevor ich mich zum späten Nachmittag Richtung burbury-lake aufmachte, einem wunderschönen See 23km östlich von Queenstown, an dem es einen schönen Naturcampingplatz geben soll. Genau, Naturcamping! Kein Caravan-Park…könnt schon kotzen bei dem Wort allein. Ohhhh Boy!
Sonntags ritt ich meinen Stahlesel durch eine traumhafte Landschaft…weite Flächen, Berge, Wald…mir kams wie Lappland vor. Mein Lappland!
Abends am Lake St.Clair campte ich auf dem letzten Camp des Overland Tracks. Gen Abend traf ich Julian, nen Typen aus Frankreich. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge…ich teilte meine letzte Portion russischen Tee mit ihm ( den Tee den mir die liebe Alexandra in Toljatti, kurz vor Samara, damals im Juni in Russland geschenkt hatte) und noch am späten Abend kamen zwei Girls aus Thailand an ,die gerade den Track beendet hatten und keine Lebensmittel mehr hatten. Julian begann sofort für die beiden zu kochen und ich freute mich mit meinem Olivenöl, der Peanutbutter, dem Knobi, den Datteln…kurzum mit dem was ich hatte dazu beitragen zu können. Wir gossen auch Alexandras Tee nochmal auf und ich stellte wiedermal fest wieviel mehr wert es ist das wenige Essen was man hat zu teilen und dafür ein schönes Lächeln und eine Umarmung zu bekommen. Und mit ihrer Herkunft erinnerten mich die beiden Mädels dann auch an meine Zeit in Thailand und wenn ich so zurückblicke kann ich nur sagen….wie schön, wie wunderschön ist eigentlich unser Planet. Nicht nur Thailand, jedes Land der Reise war auf seine Art schön, und jetzt kommt’s…auch China. All das was ich nicht so toll fand damals verblasst immer mehr und zurück bleibt die Erinnerung an eine Wahnsinns-Zeit. Was Julian anbelangt, er ist einer der Menschen mit denen ich einfach sofort auf einer Länge war, direkt, unkompliziert…hat voll gepasst. Am Montag ging’s dann weiter im Regen Richtung Südosten. Mittags traf ich dann echt Julian nochmal an einer Raststätte und mit ihm nen Radler aus Japan, 2 Jahre unterwegs, 34000 km…die Japaner sind auch Freaks, das Land reizt mich mittlerweile auch immer mehr…
Nun Dank des brachialen Rückenwindes schepperte ich bis Hamilton durch. Abends auf der Campingwiese wurde ich noch von zwei Ehepaaren aus Queensland zum Wein eingeladen und rucki zucki schaukelte es im Leuchtturm.
Den Diensttagmorgen verbrachte ich zunächst mit einem recht lahmen Frühstück, doch dann lernte ich zwei Boys aus der Heinat und n Paar aus UK kennen und der Tag kam ins Rollen. Die vier bereisen grad Tassie und wir kamen son bisschen ins Gespräch.
Noch mehr ins Gespräch kam ich dann gleich danach mit Steven, den ich im dorfeigenen Café kennenlernte. Steven kommt aus Neuseeland und ist hier auf Tassie auch mit dem Reiserad unterwegs, tja und da gabs natürlich Gesprächsstoff ohne Ende. Irgendwann nachmittags kam ich dann auch endlich vom Fleck und spulte die 38 km bis New Norfolk runter.
Viel spannendes gibt es hierzu nicht mehr zu sagen. Ich erreiche den Großraum Hobart und damit verlasse ich leider den magischen Tassie-Urwald. In Tassie habe ich ein neues Maß an Gelassenheit erreicht, ich werde langsamer und lebe mehr und mehr im Moment. Auf eine Art ist es das was ich immer wollte. Fühlt sich sehr gut an.

Zum Schluß noch ein kleines Paul&Hansen Zitat:

“Die Tour wird auf jeden Fall mein Leben verändern. Wie weiß ich noch nicht, aber ich werd auf jeden Fall nicht mehr der selbe sein wie vorher.”

Peace.

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