UNDER THE SOUTHERN CROSS

 

Als ich den letzten Blogeintrag schrieb ahnte ich noch nicht, mit wem ich die ersten drei Februartage dieses Jahres verbringen würde. Eric. Eric ist ein wenig älter als ich, doch das verrät einzig und allein sein Geburtsdatum. Von der Einstellung her ist mir da ganz klar ein Seelenverwandter begegnet.
Schon auf dem Weg zu seiner Haustür, bergauf, bergab durch Hobarts steil angelegte Straßen kam er mir entgegen. Gute Jeans, weißes Hemd…ach Gott, so ein Typ also dacht’ ich mir, nicht ahnend wer er wirklich war. Schon vor seiner Haustür wird mir klar das mein Schubladendenken weder sonderlich schlau noch verlässlich ist. “Schau Oscar, so öffnest du die Haustür…hab ich selbst gebaut. Ich mag keine Schlüssel mit mir rumtragen. Man trägt schon so genug Ballast mit sich herum…”
Es gab tatsächlich keine Haustürschlüssel, und doch kam man ohne den Mechanismus zu kennen nie und nimmer rein. Der Typ begann interessant zu werden.
“Willkommen in meinem Haus” meinte er während wir in dem einen hellen Zimmer standen und der Blick ins zweite kleinere Zimmer fiel, womit meine Bekanntmachung mit seiner kleinen Butze ein Ende fand.
Hmm…zwei Räume…na dann.
“Kann ich meine Butter in deinen Kühlschrank packen?” ….
“Ach stells da unten in die Ecke, das ist der kälteste Platz im Haus” antwortete er und wies auf eine kleine Ecke am Boden seiner gekachelten Küche. “Einen Kühlschrank hab ich nicht, und einen Herd auch nicht…ich koche immer mit den halbleeren Gaskartuschen die meine Gäste zurücklassen.” Meine sonst so zugegebenermaßen deutsche, kühle Mimik ließ sich zu einem immer breiter werdenden Grinsen hinreißen weil ich nicht fassen konnte wie cool der Typ war. Und was lernen wir daraus?? Maße dir nicht an, jemanden von seinem Äußeren her zu beurteilen. Es kommt fast immer anders als du denkst!
In seinem kleinen Vorgarten verbrachte ich viel Zeit damit mein Fahrrad vom Dreck der letzten Tage zu befreien und somit für die Einreise nach Neuseeland vorzubereiten. Wir gingen gemeinsam frühstücken in der Stadt, abends auf ein paar Bier zu Livemusik in die Stadt und Eric lud mich ein auf seinen Vortrag mitzukommen. Er war letztes Jahr den etwa 4000 km langen Pacific Crest Trail in den USA gegangen, ein Trekkingweg…einer der längsten weltweit. Das war natürlich wunderbar…noch ein Punkt den wir gemeinsam hatten. Nicht dass ich den PCT schon gegangen wäre, aber das wär schon was.
Nun, es wurden drei super entspannte Tage und nicht immer gelingt es mir die oft angebotene Floskel “Fühl dich wie zu Hause” umzusetzen…doch bei Eric war das anders. Es war einfach super entspannt.
Auch in Mirandas WG durfte ich noch eine Nacht pennen. Miranda ist 24 und ich hatte das Vergnügen sie und ihren Freund ne Woche zuvor in Rosebery zu treffen. Ich bin immerwieder so glücklich darüber was für Leute ich so unterwegs treffe. Leute die ich ohne diese Reise vermutlich nie getroffen hätte.
Die Abflugszeit aus Hobart/Tassie rückte näher und ein bisschen traurig war ich schon Tassie zu verlassen. Ist ein wunderschönes Fleckchen.
Nach einer Zwischenlandung in Melbourne während der ich meinen riesigen Fahrradkarton tatsächlich vom Domestic-Terminal zum internationalen Terminal bringen musste kam ich reichlich ins Schwitzen bevor ich dann neben unzähligen anderen jungen Touris eingequetscht in der Jetstar Maschine saß die mich tatsächlich in dieses Land bringen sollte was in den Träumen wohl aller Outdoorfreaks vorkommt: N E U S E E L A N D !
Früh morgens am 5. Februar war es dann soweit und ein hochzugeknöpfter Beamter des neuseeländischen Zolls drückte seinen Stempel in meinen mittlerweile bunten Pass.
Noch am Terminal lernte ich Annelie aus Göteborg kennen. Ziemlich ramponiert nach dem Flug beschließen wir gemeinsam zu frühstücken und suchten uns dafür eine nette Bank im Grünen. Annelie ist so etwa in meinem Alter, aber wer mich kennt, der weiß das dass jetzt alles und nichts bedeuten kann nicht wahr Felix?! Ach was heißt das schon.
Nun, in Christchurchs botanischem Garten liegend…mal schlafend, mal erzählend und auch in sonst jedem Bewusstseinszustand so dahinliegend verflog der Sonntag recht zügig und es wurde Zeit mich bei meinen Gastgebern blicken zu lassen. Herve und Luuuu…..ja wie man ihren polnischen Vornamen jetzt genau schreibt das fragt mich nicht. Jedenfalls sind die beiden so cool dass wir noch am ersten Abend zwei Sixer Bier leeren und uns am Ende halb lallend “Good Night” sagen.
Am darauffolgenden Tag wurde es für Herve und mich Zeit pumpen zu gehen dass der Bizeps nur so brannte. Und schon gleich danach sollte der Höhepunkt des Tages anstehen: Iwan und Yvonne….unsere lieben Freunde (seit einem halben Jahr mehr oder weniger gemeinsam unterwegs, seit Usbekistan) hatten sich angekündigt, nachdem sie sich tagelang den Wetterkapriolen der neuseeländischen Südinsel ausgesetzt hatten und freuten sich diese Nacht mal nicht zelten zu müssen. Ich muss sagen dass diese gesamte Tour mit all ihren Kapiteln und Charakteren mittlerweile so unfassbar reich an Eindrücken und Emotionen ist, dass es schon was Besonderes ist sich nach Uzbekistan, Tajikistan, Kirgistan und Thailand nun auch in Neuseeland nochmal zu treffen.
Der Abend wurde reichlich mit Bier begossen.
Iwan und Yvonne mussten los und da ich auch gerne gehe bevor ich fühle besser schon gegangen gewesen zu sein ging ich denn auch meines Weges und organisierte ein paar Dinge. Meine Unterkunft war nun ein Garten am Meer…mit ein paar anderen Radlern teilte ich mir die Wiese eines lieben Warmshower Hosts in New Brighton…ein Örtchen am Meer dass seit dem schlimmen Erdbeben nur noch die Hälfte der Einwohner zählt.
Zu dieser Zeit lerne ich auch Marie kennen mit der ich ein, zwei schöne Abende im Botanischen Garten verbrachte. Unsere Wege trennten sich aber schon bald da es für sie auf den TA ging während ich dringend n Job brauchte. Ohne Moos nix los.
Ein deutsches Mädel gab mir nen Lift mit ihrem Van und so fand ich mich samt all meinem Spittel in Blenheim wieder. Blenheim versprach Jobs auf dem Weingut…doch leider wich diese Hoffnung der enttäuschenden Tatsache, dass es dann doch keine Jobs gab. Was für eine Blamage. Ich fand mich auf einem gesichtslosen Campingplatz wieder, inmitten von zugekifften deutsch-sprechenden Teenies. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Vor Ort wurde ein Zettel rumgereicht mit einer Menge Telefonnummern von lokalen Arbeitgebern. Ich beschloss ne Standard SMS zu verfassen und spontan an alle Arbeitgeber zu schicken…frei nach dem Schrotschussprinzip: einer wird sich schon melden. Und tatsächlich bekam ich eine Einladung zu einem Gespräch: Hopfenernte! Ich wurde also Teil eines der wesentlichen lebenserhaltenden und sinnstiftenden Industriezweige der Gesellschafft…..
Voller Motivation verließ ich Blenheim noch am darauffolgenden Tage und radelte Richtung Nelson. Der Weg nach Nelson ist landschaftlich äußerst reizvoll, jedoch kommt man um einen mäßig befahrenen Highway nicht herum. Eng und hügelig schlängelt sich die Asphalttrasse durch die Landschaft. Wenn mich Trucks überholen, dann oft haarscharf, mit vielleicht einer Handbreite Platz zwischen mir und Fahrzeug. Schwierig. Ich traf hier und da Kollegen. Man ist hier in Neuseeland als Radreisender nichts besonderes mehr. Nachmittags hatte ich dann die Schnauze voll von der Straße oder vielmehr ihren motorisierten Nutzern und wich auf eine geschotterte Nebenstrecke aus, die 10 Kilometer weiter dann auf einen Mountainbike-Track führen sollte. Was da auf mich zukam war nichts Geringeres als der Maungatapu-Track. Ausgewiesen als Mountainbike-Weg bzw. Quad-Strecke dachte ich allen Ernstes das wär was für mich. Nun was war die Alternativen: Warten? Wenn ja, worauf? Zurück auf den Highway ? Nein Danke. Schon auf den ersten Metern zeigte der Track allerdings was er zu bieten hatte: Den gröbsten “Auf-die-Fresse-Schotter” seit Tajikistan, geschätzte Steigungen um 20%….Einsamkeit….und und und…
An Fahrrad fahren war nicht zu denken. Stattdessen schob, bzw. drückte ich mein nicht gerade leichtes Fahrrad mit aller Kraft auf dem losen Schotter empor. Oft ging das nur folgendermaßen: Das Rad, in einem Ausfallschritt stehend, einen halben Meter hochschieben, dann beide Bremsen ziehen und sich vorsichtig hochziehen ohne das a) das Fahrrad bzw b) ich selbst rutschen können. Danach den nächsten Schritt. Es hat knapp 4 Stunden gedauert bis ich oben war. Und zwischenzeitlich war mir ganz und gar nicht wohl bei der Sache, so sehr schmerzten mir die Fersen. Wer jetzt denkt: och schön denn kann man jetzt entspannt runterrollen der irrt gewaltig. Abwärts ging es gefühlt noch steiler als zuvor hinauf. An Fahren war nicht zu denken. Ich schob hinab und dann bahnte sich auch so langsam die Dämmerung an. Oh je oh je…da war was los. Naturtechnisch der absolute Hammer aber bitte zu Fuß und nicht mit dem Bike. Irgendwann bei Sonnenuntergang erreichte ich dann die andere Seite des Maungatapu -Tracks und war froh ohne Schaden dort angekommen zu sein. Ich hatte tatsächlich einen steilen Höhenzug auf diesem Weg überquert. Mein Gastgeber in Nelson konnte es dann kaum fassen und zog sich selbst durch den Kakao, dass er jedesmal vergesse seine beladenen Radler zu warnen diesen Weg zu fahren. Ich sei jetzt sein Dritter Gast der diesen Weg genommen habe…zuletzt sei ein Schweizer Ehepaar mit zwei kleinen Kindern da rüber. Wie die das gemacht haben ist mir ein Rätsel. Nun, das war mein erster Radreisetag in Neuseeland. Zwei Tage verbrachte ich nun in Nelson, einer herzlosen Stadt im Norden der Südinsel, die jedoch von einer wunderschönen Bergkette umgeben ist. Noch am Nachmittag des zweiten Tages beschloss ich dann aufzubrechen Richtung Motueka, meiner vorerst neuen Heimat. Auf den ersten Metern hinter dem Ortsausgang überholte mich dann eine Radfahrerin mit weniger Gepäck als ich dabei hatte, etwa in meinem Alter. Hmm, das interessierte mich jetzt schon wer das war. Ein gemeinsames Mittag war sicher drin und tatsächlich traf ich sie eine Stunde später auf Rabbit Island wieder und lud sie auf einen Snack ein. Blondes Haar, tiefblaue Augen in denen ich in meiner Phantasie das schwedische Fjäll sah…ja sie war tatsächlich aus Schweden. Eigentlich wusste ich es bevor sie es mir sagte. Wir fuhren noch ein paar Kilometer gemeinsam und gingen dann unserer Wege.
Auf einem wunderschönen Naturcampingplatz verbrachte ich zwei Tage am Strand bevor ich in mein neues Zimmer in Motueka einziehen konnte. Meine Vermieterin und einzige Mitbewohnerin Katerina ist Psychotherapeutin und nebenher noch Umweltschützer durch und durch.
Oft schenkte sie mir Obst und Gemüse aus ihrem Garten, was meine Ernährung stark bereicherte. Mein Geburtstag kam und es wurde Zeit sich für den Einführungstag auf dem Hopfenhof blicken zu lassen. Vier deutsche Boys waren noch dort sowie einige Kiwis und zwei oder drei Tonga-Typen. Das waren wir also, die Hopfentruppe.
Die Schichten waren lang, hart und schweißtreibend. Und überhaupt wurden die harten Arbeitstage einzig und allein durch mein Ausflug nach Auckland zum MESHUGGAH Konzert unterbrochen. Die kurzen Pausen verbrachten wir auf Holzbänken sitzend, zwischen schönen Palmen, überdacht durch einen schattenspendenden Sonnenschutz.
Irgendwann kam dann tatsächlich der Ralph-boy dazu was die Zeit perfekt machte.
Unsere Zeit bei Northwood-Hops neigte sich dem Ende zu und wir suchten sowohl nach einer neuen Arbeit als auch einer neuen Bleibe.
In puncto “Job” wurden wir in einem Kiwi Packhouse am anderen Ende von Motueka fündig. Außerdem konnten wir bei Jill und Joe einziehen, einem älteren Ehepaar die ein kleines Häuschen in Mot bewohnen und noch etwas Platz für Mitbewohner hatten.
Irgendwann kündigte sich die mutige Marie dann an und konnte erfreulicherweise auch noch mit einziehen. Warum mutig? Nun, Marie hat bereits einen beachtlichen Teil des Te Araroas hinter sich, dem 3000km langen Wanderweg der von Neuseelands Südspitze bis hoch zur Nordspitze führt, ohne das sie Ähnliches schonmal gemacht hat. Sie macht es einfach. Und das ist cool. Marie ist cool. Auch wenn wir drei 90% unserer gemeinsamen Zeit auf Arbeit verbrachten war es eine schöne gemeinsame Zeit, die ich nicht missen möchte.
Was gibt es noch zu berichten…

Wenn ich so drüber nachdenke, jetzt da ich in einer Lebenssituation bin die in den wesentlichen Punkten das beschreibt was die Mehrheit der Gesellschaft wohl als “normal” bezeichnen würde….sprich, eine feste Adresse, Arbeitsplatz, Supermarkt um die Ecke…stelle ich fest, dass sich das fast wie in Deutschland anfühlt. Nur ohne Freunde und Familie. Verrückt, und das am anderen Ende der Welt.

Es juckt mir in allen Gliedern und der Blick auf die Weltkarte lässt mich ein breites Grinsen an den Tag legen.
Nach der Tour ist vor der Tour…

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2 thoughts on “UNDER THE SOUTHERN CROSS

  1. Hallo Oscar, viele Grüße aus der Heimat (Neubrandenburg) senden dir Hauke und Manu.
    Wir haben nach langer Zeit mal wieder deinen Reisebericht gelesen. Wir fahren an den WE nur kurze Strecken mit dem Rad so …40 Km . Anfang Mai sind wir um die Müritz gefahren, aber im Vergleich zu dir…
    aber die Touren über die Dörfer im MSE sind auch hier manchmal ein Abenteuer…..Bleib gesund…

  2. Lieber Oscar
    Yeah, endlich wieder was zum lesen von dir! Wir denken oft an dich und Ralph, unsere gemeinsamen km und Abenteuer, die wir mit euch erleben und erradeln durften! Schon etwas komisch, dass ihr euer “Zuhause” nun am anderen Ende der Welt habt und wir uns unterdessen auch wieder in unserer Heimat eingelebt haben. Wir sind gespannt, wo es dich und Ralph noch hintreibt und freuen uns schon RIESIG auf ein Wiedersehen mit euch!!!
    Alles Liebe aus der Schweiz
    Yvi + Iwan

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